Ein Gespenst geht um im Feuilleton: der M&A-Berater im Gewand des Kunstkenners.
Wer den gängigen Karriere- und Wirtschaftspodcasts lauscht, begegnet einem bizarren Kult der künstlichen Erschöpfung, der absurden Zahlenakrobatik und der rituellen Publikumsdemütigung. Doch diese Folklore ist längst keine exklusive Spezialität des Finanzkapitalismus mehr. Sie bildet das eigentliche Betriebssystem des zeitgenössischen primären Kunstmarkts. Eine Sezierung zweier Welten, die nicht am realen Wert, sondern am reinen Mythos des Werts arbeiten — und warum der Investmentbanker am Ende fast die ehrlichere Haut ist.
Die Excel-Monkeys der Avantgarde: Wie der M & A-Habitus die Galerieszene beherrscht
Wer heute durch die Audio-Landschaften von Plattformen wie Spotify wandert, schwankt zwischen Mitleid und akutem Lachreiz. In Podcasts wie OMR, Founder Mode oder Karriere Insider inszenieren junge Menschen ihre 16-Stunden-Tage vor Tabellenkalkulationen als sakrales Opfer für die Weltwirtschaft. In Fach-Formaten wie What’s up, Corporate Finance? wird im Sekundentakt mit fiktiven Zukünften, absurden Bewertungsmultiplikatoren und einer denglischen Geheimsprache hantiert. Zweck dieser rhetorischen Dauerbeschallung: astronomische Honorare vor einem staunenden, klammen Publikum zu legitimieren.
Doch wer glaubt, diese Folklore sei auf die sterilen Glastürme des Finanzkapitalismus beschränkt, irrt gewaltig. Man muss nur die Straßenseite wechseln und das kulturindustrielle Äquivalent betreten: den zeitgenössischen White Cube einer Galerie für moderne Kunst. Die akustische Entsprechung findet sich prompt in Podcasts wie Grisebachs „Die Sucht zu SEHEN“ oder Johann Königs „Was mit Kunst“. Hier zeigt sich: Der M&A-Investmentbanker und der High-End-Galerist sind soziologische Zwillinge. Schlimmer noch: Der Galerist ist der M&A-Berater im Kostüm des Intellektuellen. Beide Branchen haben das gleiche Geschäftsmodell perfektioniert: Die Monetarisierung von reiner, heißer Luft durch die rituelle Demütigung des Publikums.
1. Die Vertreibung des Schweißes (Der White Cube als Excel-Tabelle)
In der M&A-Welt ist die reale Fabrikhalle, in der echte Menschen bei 35 Grad im Schatten physische Arbeit verrichten, längst wegrationalisiert. Sie stört den Fluss der Abstraktion. Sie wurde komprimiert in eine leblos flimmernde Zelle einer Excel-Tabelle. Wenn man den Erzählungen auf Karriere Insider lauscht, lernt man schnell: Das Unternehmen existiert erst, wenn es modelliert wurde.
In der Galerieszene verhält es sich exakt analog mit dem Kunstwerk. Der gemütliche Raum voller Handwerk, Schweiß, Farbe und Leinwand ist mausetot. Er wurde ersetzt durch den klinisch weißen, unterkühlten Raum, in dem oft nur noch ein einziger, kryptischer Gegenstand platziert wird – sagen wir: ein Haufen zerschredderter Verkaufsbelege auf einer recycelten Europalette. Die Botschaft dieser Architektur ist eine visuelle Drohung: „Hier wird nicht gearbeitet. Hier wird nachgedacht. Und das kostet.“ Das physische Kunstwerk wird – genau wie das übernommene mittelständische Unternehmen – zur bloßen Trägersubstanz für finanzielle Spekulation degradiert.
2. Multiples und „Art English“: Die Erfindung des Werts aus dem Nichts
Wenn der M&A-Berater ein Software-Startup mit dem „12-fachen EBITDA“ bewertet, schreibt er eine mathematisch formatierte Kurzgeschichte über eine Zukunft, die es statistisch nie geben wird. Er verkauft das Recht auf reine Phantasie.
Der Galerist tut exakt dasselbe, nur nutzt er statt Excel-Formeln das sogenannte International Art English – ein hermetisches Kauderwelsch aus Soziologie-Buzzwords. Ein paar hastige Pinselstriche auf ungrundierter Leinwand werden durch ein zehnseitiges, unlesbares Begleitheft zum „disruptiven Diskurs über die Post-Digitalität im anthropozänen Raum“ aufgeblasen. Der „Multiple“ des Bankers ist der „Diskurs“ des Galeristen. Wenn Johann König in seinem Podcast munter darüber plaudert, wie man Lizenzen für monumentale Brunnen an Großbanken veräußert, wird klar: Der Übergang zwischen Kunst und Corporate Finance ist fließend. Beide rechtfertigen einen Preis, der komplett von der Realität entkoppelt ist. Ein Werk, das in zwei Stunden entstand, kostet plötzlich 85.000 Euro – nicht, weil die Ölfarbe so teuer war, sondern weil das dazugehörige Narrativ das Ego des Käufers triggert. Wert entsteht nicht durch Arbeit, sondern durch die Chuzpe, eine Zahl ohne Scham in den Raum zu stellen.
3. Das klamme Publikum als unbezahlte Statistenkulisse
In den M&A-Podcasts fungiert die Öffentlichkeit als ehrfürchtiger, klammer Zuschauer, der fasziniert zusieht, wie Millionen verschoben werden, die er selbst nie besitzen wird. In der Kunstszene ist dieses Spiel noch eine Spur perfider, weil es sich als „demokratisch“ und „gesellschaftsrelevant“ tarnt.
Die Vernissage lebt vom unbezahlten Statisten: Studenten, Kunstbegeisterte und unterbezahlte Freiberufler trinken lauwarmen Prosecco und bilden die lebendige Kulisse, um der Galerie die Aura von Relevanz, Rebellion und „Öffentlichkeit“ zu verleihen. Doch dieses Fußvolk ist reine Dekoration. Während die Masse vor dem Exponat über die „Kritik am Spätkapitalismus“ schwadroniert, wird der eigentliche Deal im Hinterzimmer abgewickelt. Der Galerist blickt (exakt wie der Investmentbanker) von vorne nur auf die drei Milliardäre auf seiner exklusiven Waiting List. Das restliche Publikum wird eiskalt von hinten betrachtet – es ist nur der Resonanzboden, der den Lärm erzeugt, den die Eliten brauchen, um den Preis vor sich selbst zu rechtfertigen.
4. Die intellektuelle Demütigung als Verkaufsstrategie
M&A-Spezialisten nutzen in den Tech- und Banking-Formaten Begriffe wie Leveraged Buyout, Due Diligence oder Run-Rate, um den Kunden rhetorisch einzuschüchtern: „Du bist zu dumm für dein eigenes Geld, also schweig und zahl uns das Honorar.“
Die Galerie-Kaste funktioniert über die intellektuelle Demütigung. Wer vor dem weißen Quadrat an der Wand steht und absolut nichts fühlt, wird durch den unnahbaren, gelangweilten Habitus des Galerie-Personals dazu gebracht, die Schuld bei sich selbst zu suchen: „Ich bin wohl einfach nicht gebildet genug für diese Avantgarde.“ In Grisebachs „Die Sucht zu SEHEN“ wird diese Welt zwar nahbarer inszeniert, doch der exklusive Zirkel bleibt bestehen. Diese induzierte Scham ist die beste Verkaufsstrategie der Welt. Sie sichert die soziale Schließung, die Max Weber einst beschrieb. Nur wer den Code versteht – oder wohlhabend genug ist, seine Ignoranz mit einem Scheck zu übermalen –, darf mitspielen.
Schlußakkord: Der Bluff mit der Moral
Am Ende triumphiert in beiden Welten die Hyperrealität. Ob wir auf eine Excel-Tabelle blicken, die den Wert einer Fabrik künstlich aufpumpt, oder auf ein Stück verbogenen Schrott für den Gegenwert eines Einfamilienhauses: Wir betrachten den Triumph des reinen Symbolcharakters über die Wirklichkeit.
Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied, der den M&A-Banker fast sympathisch macht: Er steht zu seiner Gier. Auf OMR oder Founder Mode wird kein Hehl daraus gemacht, dass man „skalieren“ und „Exits“ bauen will. Der Galerist hingegen schiebt die Moral vor. Er verkauft ein Luxus-Anlageobjekt zur Steuervermeidung und behauptet dabei, im selben Atemzug das Patriarchat zu stürzen.
Sowohl die M&A-Kaste als auch die Galerie-Elite haben den realen, ehrlichen Arbeitsbegriff – den des Postboten oder des Straßenfegers, der bei 35 Grad die Stadt am Laufen hält – komplett verraten. Sie arbeiten nicht am Wert, sie arbeiten am Mythos des Werts. Und solange das klamme Publikum brav im Theater sitzt, klatscht und sich intellektuell minderwertig fühlt, funktioniert der Milliarden-Bluff perfekt.
